LV aktuell

Herausforderungen des Ehrenamts

LV Büro - 23. Mai 2016

von Margit Řehoříková

Der Frühling zeigte sich von seiner schönsten Seite, als am letzten Aprilwochenende die Amtsträger und Nachwuchskräfte der Vereine der Landesversammlung in Oberplan (Horní Planá) zu ihrem Seminar im Adalbert-Stifter-Zentrum aus dem ganzen Land zusammenkamen.

Vor Beginn der Veranstaltung gedachten die Workshop-Teilnehmer des im Dezember verstorbenen Gründers des Zentrums, Horst Löffler, mit einer Schweigeminute.
Zur Einführung zeigte ifa-Kulturmanager Simon Römer die neuesten Filme des „mundArt“-Projekts, mit dem deutsche Dialekte in Tschechien dokumentiert und bewahrt werden, in bereits fast fertigen Fassungen. Auch der öffentlich-rechtliche deutsche Fernsehsender ZDF interessierte sich bereits für die Aufnahmen und besuchte den Projektleiter für ein Interview, das auch den Teilnehmern des Seminars gezeigt wurde. Die einzelnen deutschen Mundarten haben es nicht einfach in Tschechien. Es gibt in vielen Fällen nicht mehr viele Sprecher, die sie noch weitergeben könnten und so werden sie wohl auf längere Sicht verloren gehen. Gerade deshalb ist es wichtig, sie mit Projekten wie „mundArt“ festzuhalten und in Liedern, Gedichten und Geschichten zu pflegen, die man auch an die jüngere Generation weitergeben kann. Zwei neue „mundArt“-Filme zeigen Richard Šulko und seine Mutter Elfriede. Sie halten die egerländische Tradition und Mundart auch mit Liedern und Trachtentanz lebendig. Richard Šulko war lange Jahre Vorsitzender des von ihm mitgegründeten Bundes der Deutschen – Landschaft Egerland und ist heute Vorsitzender des neu gegründeten Bundes der Deutschen in Böhmen, dessen Volkstanzgruppe er leitet. „Die Pflege der egerländischen Volkskunst bedeutet für mich eine Ergänzung meiner Identität, ich mich als Deutschböhme“, erklärt Šulko im Film. Zu sehen waren auch Dialekte des Erzgebirges, unter anderem von František Severa aus Trinksaifen (Rudné), der Ziehharmonika spielt und Volkslieder in seiner Mundart singt. Auch Gerhard Krakl stammt aus dem Erzgebirge und ist einer der letzten Deutschen in Abertham (Abertamy) die noch die Mundart der Region pflegen.

Freiwilligenmanagement

Das große Hauptthema des Seminars war das Freiwilligenmanagement, zu dem Kamila Zbuzková, die selbst bereits viel Erfahrung mit freiwilliger Arbeit im In- und Ausland gesammelt hat, referierte. Derzeit ist sie unter anderem als internationale Koordinatorin bei der tschechischen Caritas tätig und führt Workshops und Schulungscamps durch. Zunächst gab sie einen historischen Überblick über die Anfänge des ehrenamtlichen Engagements, das auch in Tschechien eine lange Tradition hat: „Schon in der Ära der nationalen Wiedergeburt unter der österreichisch-ungarischen Monarchie gab es Freiwillige, die sich in Sokol- Sportvereinen, der Feuerwehr, bei den Pfadfindern, in verschiedenen Bürgervereinen oder später auch beim Roten Kreuz engagierten.“ Während der Okkupation, des Zweiten Weltkrieges und nachfolgend unter der kommunistischen Herrschaft wurden aus Freiwilligendiensten Pflichtaufgaben im Namen des jeweiligen Regimes. Das hinterließ ein problematisches Image, das sich aber heute glücklicherweise wieder normalisiert. „Mit dem im Jahr 2002 verabschiedeten Gesetz über Freiwilligendienste erhielt ehrenamtliches Engagement auch endlich offizielle Anerkennung“, erklärte Kamila Zbuzková. Mit der gesetzlichen Regelung des Ehrenamts ging auch die Schaffung von Erleichterungen für die Freiwilligenarbeit einher. So schützt ab zwanzig ehrenamtlich geleisteten Wochenstunden eine Versicherung die Freiwilligen und seit 2014 gibt es die Möglichkeit der Akkreditierung von Koordinatoren für Bildungsprogramme oder konkrete Projekte, beispielsweise im kulturellen Bereich. „Vieles wird vom Nationalen Freiwilligenzentrum gelenkt, das dem Ministerium des Innern untersteht“, führte Kamila Zbuzková aus.

Chancen nutzen

Für die Projektarbeit auch der deutschen Verbände in Tschechien ist Öffentlichkeitsarbeit besonders wichtig. Durch soziale Netzwerke und elektronische Kommunikation ist die Vermittlung eigener Inhalte nicht nur einfacher geworden, sie sind auch für die Anwerbung von freiwilligen Helfern mittlerweile unabdingbar. Man müsse die Ehrenamtlichen aber nicht nur Anlocken, sondern ihnen auch einen Gegenwert für ihr Engagement bieten, erklärte die Referentin. Dabei kann es sich auch um ideelle Werte wie das Gefühl der Gemeinschaft handeln. Die Ermittlung des Bedarfs der Verbände und die Motivation Freiwilliger waren Teil des zweiten Blocks des Workshops. In acht Gruppen erarbeiteten die Teilnehmer eigene Antworten auf konkrete Fragen zu diesen Themenschwerpunkten. So kamen viele Anregungen und Probleme bei der Auswertung zur Sprache. Gerade die Suche nach jüngeren Leuten für die Verbände beschäftigt viele Vereine. Die Projektarbeit und Tätigkeiten in den einzelnen Begegnungszentren sind unterschiedlich erfolgreich, was einerseits regional-, andererseits aber auch altersbedingt ist. Eine zeitgemäße Neuorientierung ist nötig und wird an einigen Stellen bereits angegangen, wie Martin Dzingel, Präsident der Landesversammlung, bei der Eröffnung des Seminars anmerkte. Die Nutzung der Errungenschaften der Technik und die Möglichkeiten der Finanzierung sind noch optimierbar. Für die traditionsgemäße Exkursion des dieses Jahr wohl zum letzten Mal in dieser Form veranstalteten Oberplaner Seminars wurde Gojau (Kájov), einer der bedeutendsten Marien-Wallfahrtsorte in Böhmen, ausgewählt. Die lange dem Verfall preisgegebene Anlage mit ihrem prächtigen Altar wurde nach 1989 mit finanzieller Unterstützung aus Deutschland und Österreich restauriert und 1995 zu einem Nationalen Kulturdenkmal erklärt. Gegenwärtig wird das Kloster von den Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz betreut und von der Pfarrei in Krumau (Krumlov) verwaltet. Nach dem Seminar verabschiedeten sich die Teilnehmer auch vom Adalbert-Stifter-Zentrum, das an die Stadt Oberplan verkauft wurde, die hier eine Zahnarztpraxis einrichten will. Damit endete also das vorerst letzte Oberplaner Seminar mit vielen neuen Eindrücken und etwas Wehmut.

(erschienen im LandesEcho 5/2016)