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Interview mit Martin Dzingel in der Mladá fronta dnes

Martin Dzingel Mlada Fronta

 

Martin Dzingel hat mit Luboš Palata von der Zeitung Mladá Fronta Dnes gesprochen – über die Situation der deutschen Minderheit in der Tschechischen Republik früher und heute und die positive Entwicklung in der tschechisch-deutschen Aussöhnung. Das komplette Interview auf Deutsch.

 

 

Zahl der Deutschen in Tschechien steigt wieder – wegen der Arbeit

Von der deutschen Minderheit, zu der sich nach dem Krieg 200.000 Menschen bekannten, bleiben heute nur noch ein paar Zehntausend. Dafür kommen neue Zuzügler. „Sie empfinden das Unrecht nicht mehr“, sagt der Chef der tschechischen Deutschen.

Nicht nur Manager und Fachleute deutscher Firmen zieht es nach Tschechien, sondern auch junge Deutsche, die hier bessere Arbeit finden als zuhause. „Wir sind uns sicher, dass auch sie zu Deutschböhmen-, mährern und -schlesiern werden“, sagt Martin Dzingel, der Präsident der Landesversammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik. Grundsätzlich spricht er von „tschechischen Deutschen“, niemals von „Sudetendeutschen“. Zur deutschen Minderheit bekennen sich heute etwa 40.000 Menschen.

 

Luboš Palata: Ist es heute in Tschechien noch ein Problem, wenn man sagt, man sei ein tschechischer Deutscher?

Martin Dzingel: Es ist bei weitem besser als früher. Der erste Umschwung war nach dem November 1989, als in der ganzen Euphorie auch für die deutsche Minderheit eine sehr offene Atmosphäre entstand. Ohne den November 1989 wäre die deutsche Minderheit in Tschechien verschwunden. Diese gute Atmosphäre hat sich dann in den Neunzigern verschlechtert, die Haltung uns gegenüber kühlte sich wieder ab. Zu einer Verbesserung kam es dann erst in den vergangenen zehn Jahren.

Warum ist es jetzt besser?

Vor allem wegen der jüngsten Generation der Tschechen – Menschen von heute zwanzig, dreißig Jahren. Sie stellen Fragen: Was war eigentlich früher in den Gebieten des ehemaligen Sudetenlandes? Warum leben dort keine Deutschen mehr? Welche Denkmäler könnte man erneuern? Sie wollen die Geschichte der Region, in der sie leben, mit ihrem heutigen Leben dort in Verbindung bringen. Und das ist für die deutsche Minderheit unglaublich wichtig, denn das gibt uns die Möglichkeit uns dazu zu äußern und zu diesen Projekten beizutragen.

Ändert sich in den letzten Jahren auch die Einstellung der tschechischen Politiker zu den Deutschen in der Tschechischen Republik?

Ich spüre immer noch eine gewisse Vorsicht, aber es wird besser, und das auf beiden Seiten. Die Sudetendeutschen haben die Ansprüche auf die Rückgabe ihres Eigentums gestrichen, der tschechische Premier, Vizepremier und Minister treffen sich mit Sudetendeutschen – früher wäre das nicht möglich gewesen. In den letzten zehn Jahren passieren wirklich positive Dinge, die uns auch im Kontakt mit der tschechischen Öffentlichkeit helfen.

Deutsche, die nach dem Krieg aus der Tschechoslowakei vertrieben und abgeschoben wurden, bezeichnen Sie als Sudetendeutsche, Sie selbst dagegen sehen sich als Deutscher in der Tschechischen Republik. Wie ist die Beziehung untereinander?

Wir orientieren uns an der tschechischen Gesellschaft, an der tschechischen Regierung, wir haben die tschechische Staatsbürgerschaft und leben hier. Außerdem klingt es für Tschechen ganz anders, wenn von einem Angehörigen der deutschen Minderheit in der Tschechischen Republik die Rede ist, statt von einem Sudetendeutschen.

Was sehen die Sudetendeutschen in Ihnen?

Die verbliebenen Deutschen.

Gibt es Neid, dass Sie im Gegensatz zu den Sudetendeutschen bleiben konnten?

Ich glaube nicht. Die Mehrheit derjenigen, die geblieben sind, musste bleiben, weil sie sogenannte „unabkömmliche Arbeitskräfte“ waren. Und der tschechische Staat verhält sich uns gegenüber bis heute nicht wie zu normalen Bürgern. Die Renten wurden gekürzt, wir wurden niemals entschädigt, die Restitution betrifft uns nicht. Sie haben uns alles genommen und bis heute nicht zurückgegeben. Der tschechische Staat ist zum Teil auf Sozialdemokraten oder Widerstandskämpfer zugegangen, aber bei uns als Minderheit hat sich niemand jemals auch nur entschuldigt. Niemand hat „Verzeihung“ gesagt. Für uns ist das ein großes Unrecht.

Und wie sehen die Deutschen in Tschechien die Sudetendeutschen?

Als Angehörige unserer Familie. Während der Vertreibung wurden acht oder neun von zehn Deutschen vertrieben, ein, zwei sind geblieben. Viele weitere sind dann in den Sechzigern und Siebzigern nach Deutschland gegangen. Von den Sudetendeutschen unterscheiden wir uns allerdings in der Politik. Die Sudetendeutsche Landsmannschaft betrieb von den Sechzigern bis in die achtziger Jahre eine Politik, die von der tschechischen Gesellschaft als aggressiv wahrgenommen wurde. In den neunziger Jahren herrschte im ehemaligen Sudetenland wirklich Angst unter den Tschechen, was wird passieren, wenn die Sudetendeutschen zurückkehren? Darum mussten wir unseren Platz in der Gesellschaft sehr vorsichtig suchen, und wenn wir es gewagt haben, überhaupt irgendeine Art von Politik zu betreiben, dann nur sehr zurückhaltend. In keinem Fall haben wir die Haltung und die Ansprüche der damaligen Repräsentanten der Sudetendeutschen Landsmannschaft an die tschechische Regierung geteilt.

Das bedeutet aber vermutlich nicht, dass Sie mit den Sudetendeutschen nicht zusammenarbeiten?

Das sicher nicht. Die Sudetendeutsche Landsmannschaft in München hat uns nach der Samtenen Revolution bei der Wiederbelebung unseres Vereinslebens sehr geholfen. Wir fahren zum Sudetendeutschen Tag, ich selbst war mit einer Ausnahme auf allen Treffen der letzten 15 Jahre. Auch hunderte unserer Mitglieder fahren dorthin und umgekehrt kommen die Sudetendeutschen zu unseren Veranstaltungen nach Tschechien. Letztes Jahr war der Vorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bernd Posselt, bei uns. Ähnlich ist es in den Regionen. Die von dort vertriebenen Deutschen besuchen ganz regelmäßig die Veranstaltungen der verbliebenen Deutschen. Ganz besonders stolz sind wir, dass es uns gelungen ist, Städtepartnerschaften zu schließen: zwischen den Städten, in denen die vertriebenen Deutschen früher zuhause waren, und den deutschen Städten, in denen sie sich danach niedergelassen haben – ein Beispiel ist Liberec und das bayerische Augsburg. Für uns ist das ein Teil der tschechisch-deutschen, tschechisch-sudetendeutschen Aussöhnung, die unser Auftrag ist.

Ist es leicht, das in die Wege zu leiten? Kann es nicht passieren, dass ein solcher Vorschlag für eine Partnerschaft mit einer „Vertriebenenstadt“ bei den tschechischen Bewohnern oder Politikern auf Widerstand stößt?

Leicht war es nicht. Auf der tschechischen Seite sind die Vorurteile immer noch größer. Aber als die tschechischen Städte gesehen haben, dass die ersten Partnerschaften ohne Probleme funktionieren, wurden sie viel bereitwilliger.

Von den Sudetendeutschen weiß man, dass sie weniger werden – von den drei Millionen bekennt sich heute nur noch ein Bruchteil zu seinen Ursprüngen. Verschwinden auch die Deutschen in Tschechien?

In den neunziger Jahren, als wir unsere Tätigkeit wieder aufgenommen haben, haben sich noch Menschen zu uns bekannt, die deutsche Schulen besucht haben und ihre deutsche Identität bewahrt haben. Ihre deutsche Nationalität war für sie ganz klar. Sie wussten, dass sie zwar Bürger der Tschechischen Republik sind, aber eine andere Sprache sprechen und eine andere Kultur haben. Nun sind 25 Jahre vergangen und diese Generation, von der ich gesprochen habe, verschwindet langsam oder ist es bereits. Zwar gibt es nun die Generation ihrer Kinder, aber da ist es nicht mehr so einfach. Nach dem Krieg galt alles Deutsche als schlecht, die Schulen der deutschen Minderheit wurden verboten und diese Generation wurde nicht mehr in der Muttersprache erzogen. Die Generation der heute Fünfzigjährigen spricht deshalb häufig nicht mehr Deutsch. Die deutsche Identität hat sich nur teilweise oder gar nicht erhalten. Das heißt, wir können nicht erwarten, dass die deutsche Minderheit wächst. Allerdings haben wir den Vorteil, dass sich die Tschechen für uns interessieren, für das deutsche Kulturerbe in Tschechien. Das haben die Sudetendeutschen in Deutschland nicht. Wir als Minderheit wollen beitragen zur Erneuerung der deutschen Kultur, und das nicht nur in isolierter Form, wie das vor dem zweiten Weltkrieg der Fall war, sondern als Teil der Gesamtkultur der böhmischen Länder.

Haben Sie in Tschechien deutsche Schulen?

In Prag gibt es eine tschechisch-deutsche Grundschule und das Thomas-Mann-Gymnasium. Beide sind sehr erfolgreich, aber es sind Privatschulen, keine Minderheitenschulen. Minderheitenschulen gibt es nicht, denn die deutsche Minderheit ist über ganz Tschechien verstreut. Der Grund dafür ist, dass auch die Deutschen, die nach dem Krieg hier geblieben sind, aus den Sudetengebieten in verschiedene Orte umgesiedelt wurden. Das heißt, es gibt keine Städte oder Dörfer mit einer ausreichenden Zahl deutscher Kinder für eine Minderheitenschule. Für uns ist das natürlich ein großes Problem.

Trotzdem nimmt die Zahl der Deutschen in Tschechien immer weiter zu, auch wenn es hauptsächlich Zuzügler aus Deutschland sind. Warum zieht man heute aus Deutschland nach Tschechien? Und warum sind es so viele junge Menschen?

Die Deutschen kommen wegen der Arbeit hierher. Grund ist die große Zahl deutscher Firmen in Tschechien. Außerdem kommen gemischte tschechisch-deutsche Paare. Und es sind die von Ihnen erwähnten jungen Deutschen, die hier gerne für weniger Geld als in Deutschland arbeiten, weil sie hier leichter Arbeit finden. Unter diesen jungen Leuten sind viele, deren Vorfahren ihre Wurzeln in Tschechien hatten und auch das beeinflusst die Entscheidung nach Tschechien umzuziehen.

Das heißt, die Vertreibung ihrer Großväter und Großmütter ist für sie keine negative Erfahrung, sondern Tschechien als Land ihrer Vorfahren übt sogar eine gewisse Anziehungskraft aus?

Genau. Sie fühlen dieses Unrecht nicht mehr. Für die erste Generation der Vertriebenen war es wirklich schwer sich mit diesem Unrecht zu versöhnen.

Und ältere Sudetendeutsche kommen zurück nach Tschechien, wenn sie nichts mehr bindet?

Sie kommen nicht zurück, denn für sie gibt es eine sprachliche und kulturelle Barriere. In Krankenhäusern und auf Ämtern kommen sie zum Beispiel nicht zurecht. Ich kenne mehrere Personen, die es versucht haben, aber dann wieder Deutschland zurückgekehrt sind.

Und die jungen Deutschen, die hierher kommen, lernen Tschechisch?

Ja, viele dieser Deutschen der jungen und mittleren Generation können bereits tschechisch. Die Tschechen würdigen das ganz stark, wenn ein Deutscher tschechisch lernt. Viel mehr als Deutsche im umgekehrten Fall. Viele dieser Neuankömmlinge wollen nicht von den Tschechen isoliert sein. Wenn sie aber Kinder bekommen, dann kommen sie zu uns, und wollen, dass ihre Kinder auch die deutsche Identität mitbekommen. Und wir sind uns sicher, dass diese deutschen Experten und Fachleute mit der Zeit ein Teil unserer Community werden.

Vielleicht sollten sie für diese neue Generation der Deutschen in Tschechien Tschechisch-Kurse geben.

Wenn Interesse besteht, warum nicht.

Prag war einst bekannt für seine deutschen Kaffeehäuser. Gibt es heute ein „deutsches Kaffeehaus“?

Die „neuen Deutschen“ treffen sich regelmäßig in Vinohrady und im Sommer im Rieger-Park. Aber die Wiederbelebung eines deutschen Cafés wäre sicherlich eine Überlegung wert.

Wir haben darüber gesprochen, dass sich die Beziehung der Tschechen zu den Deutschen verbessert. Hat sie sich nicht im vergangenen Jahr wieder verschlechtert, als Berlin und Angela Merkel während der Flüchtlingskrise auf einmal für einen großen Teil der Tschechen zu einem Symbol eines schlechten Lösungsansatzes wurde, sogar eine Bedrohung? Ist das nun schon wieder Vergangenheit?

Ja, das haben wir auch wahrgenommen. Es waren nicht die achtziger Jahre, aber es war zu spüren. Allerdings wird es nun besser und die Situation beruhigt sich langsam wieder.

Martin Dzingel (*1975) kommt aus einer deutschen sozialdemokratischen Familie aus Rýmařov in der Region Jesenicko. Er studierte in Pardubice und Brünn. Seit 2001 arbeitet er für die deutsche Minderheit in Tschechien. Im Gegensatz zu vielen Deutschen in Tschechien besitzt er nicht die doppelte Staatsbürgerschaft sondern nur die tschechische. Bereits in der zweiten Amtszeit fungiert er als Präsident der Landesversammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik.

Martin Dzingel im Gespräch mit Luboš Palata – Übersetzung aus der Mladá Fronta Dnes vom 12. Juli 2016.

 

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