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Auf Tuchfühlung mit der Geschichte

von Lucie Kavanová
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Schönes und Schreckliches der Vergangenheit kann sich jederzeit wiederholen – klopfen sie nicht gerade jetzt an die Tür? Um sie rechtzeitig erkennen und unterscheiden zu lernen, kann man sich im Elfenbeinturm einschließen und historische Dokumente studieren, oder die Inspiration bei jenen suchen, die die schönen und schrecklichen Seiten der Geschichte selbst erlebt haben. Dies war der Ausgangspunkt für das zweitägige „Oral History“-Seminar, das die Landesversammlung im Dezember in Zusammenarbeit mit dem Haus der deutsch-tschechischen Verständigung in Gablonz (Jablonec nad Nisou) veranstaltete. Auf den Spuren des 20. Jahrhundert wurden die teilnehmenden Schüler zu den Techniken der Gesprächsführung von Erwin Scholz, einem der Mitbegründer der Landesverammlung, begleitet.
Im weihnachtlich geschmückten Fachwerkhaus in Gablonz-Reinowitz (Rýnovice) kamen am 14. und 15. Dezember etwa 30 Schüler des Gablonzer Dr. Anton Randa-Gymnasiums, der Handelsakademie und der Kunstgewerblichen Mittelschule zusammen. Der erste Tag des Workshops war der Suche nach geeigneten Themen und Interviewpartnern für ein Zeitzeugengespräch, der Recherche, der Struktur eines Interviews und seinen technischen Aspekten gewidmet. Dabei durfte auch ein Einblick in die Technik der Aufarbeitung des gesammelten Materials und in die Funktionsweise der menschlichen Erinnerung nicht fehlen. Begleitet wurde dies durch praktische Übungen. Da es sich um eine außerordentlich aktive Schülergruppe handelte, kam die Rede auch auf die Erfahrungen eines Lektors bei der Arbeit in tschechischen und ausländischen Medien.

In amerikanischer Gefangenschaft

Am zweiten Workshop-Tag stand der erste Präsident der Landesversammlung und ihr Mitbegründer, Erwin Scholz, im Mittelpunkt. Mit ihm übten die Schüler die Vorgehensweisen, denen sie sich am Tag zuvor gewidmet hatten. Die Geburtsurkunde von Herrn Scholz weist ihn als Jahrgang 1927 aus. Er stellte damit für die Schuler einen sehr persönlichen Bezug zur Geschichte des 20. Jahrhunderts aus der Sicht eines böhmischen Deutschen aus ihrer Region her. Seine lebhaften Erzählungen durchzogen Erinnerungen an Begegnungen mit dem Vorsitzenden der Sozialdemokraten, Bohumir Šmeral, und weiteren Persönlichkeiten der Geschichte. Am meisten interessierten sich die Zuhörer aber für Erwin Scholz‘ Zeit in amerikanischer Kriegsgefangenschaft, in die er am Ende des Krieges als Wehrmachtssoldat geriet. Seine Einheit hatte damals einen italienischen Partisanen erschossen und die Italiener suchten nun nach dem Schützen, um wiederum ihn zu erschießen. „Sie sagten, dass wir ihn verraten sollten, weil sonst zehn von uns erschossen würden“, erzählte Scholz. Auch er war unter diesen zehn, an denen Vergeltung geübt werden sollte. „Sie stellten vor uns ein Kommando mit zehn Schützen auf“, erinnert er sich. Dann kam aber ein amerikanischer Sergeant hinzu. Scholz zufolge mochten die Amerikaner die italienischen Partisanen nicht besonders, weil sie sie alle für Kommunisten hielten. „Da zielte der amerikanische Kerl mit seiner Maschinenpistole auf das Exekutionskommando und sagte zu uns ‚Go on‘. Also gingen wir“, erzählte der Gast in Reinowitz bewegt. „Ich habe nicht geweint, aber ich war nah dran.“

Gefahr auch heute

Durch die Erinnerungen an die Zeit des Faschismus und die nicht einfache Stellung der Deutschen in der Tschechoslowakei nach dem Krieg, gelang während der Diskussion auch eine Reflexion der Gegenwart. „Meiner Meinung nach befinden wir uns in einer Zeit, in der wir aufpassen müssen, dass wir nicht zum Nationalismus zurückkehren“, gab Erwin Scholz zu bedenken. „Wir müssen aufpassen, dass wir unseren Groll, den wir jetzt vor allem auf die Muslime konzentrieren, nicht auf immer weitere Minderheiten ausweiten – darin sehe ich die große Gefahr der Gegenwart.“ Darin stimmte er mit vielen der anwesenden Schüler überein, ebenso wie mit Věra Vohlidalova, der ehemaligen Leiterin der Reichenberger (Liberec) wissenschaftlichen Regionalbibliothek, die ebenfalls in Reinowitz zu Gast war. „Jeder muss bei sich selbst anfangen, etwas sagen, wenn irgendwo Unrecht geschieht, auch einem Unbekannten auf der Straße – Herr Scholz und ich wissen sehr genau, dass die Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist und man sich darum kümmern muss“, fügte Věra Vohlidalova hinzu.

Bewegendes Erlebnis

Die Schüler würdigten die Offenheit der Gäste in der abschließenden Bewertungsrunde. „Ich wurde heute häufig recht unangenehm aufgerüttelt, aber ich bin sehr froh, dass ich das heute hier erlebt habe“, sagte Mariana Staffenova. „Historische Ereignisse sind einfach ein viel bewegenderes Erlebnis, wenn man einen Zeitzeugen vor sich hat und mit ihm reden kann.“ Dem stimmte auch Jakub Daniček zu. „Diese Art der Informationsvermittlung ist für unsere Generation, die weder die ‚Samtene Revolution‘ noch Hitler erlebt hat, also nichts ‚Besonderes‘, ganz besonders wichtig“, kommentierte Daniček die Diskussion. „Das kann dazu beitragen, dass sich einige Dinge nie mehr wiederholen werden.“
Eine Zusammenfassung des Gesprächs mit Erwin Scholz wird demnächst auf der Internetseite der Landesversammlung unter landesversammlung.cz zu sehen sein.

Dieser Artikel erschien im LandesEcho 1/2017.

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